Herausforderndes Verhalten in stationären Wohneinrichtungen

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  • 15. April 2014

Probleme und Möglichkeiten sozialarbeiterischer Krisenintervention

Herausforderndes Verhalten wird zunehmend von allen Trägern stationärer Wohneinrichtungen als enormes Problem benannt. Es stellt sich die Frage, wie diesem erfolgreich begegnet werden kann. Möglichkeiten der methodischen – didaktischen Vorgehensweise auf dem DRK – Autismushof in Ochtrup skizziert der nachfolgende Artikel.

Überblick

Die Betreuung der Menschen mit Autismus – Spektrum – Störungen beginnt im Vorfeld der Aufnahme. Zwischen allen Beteiligten werden alle wesentlichen Informationen ausgetauscht und in einem Erstgespräch erörtert. Auch finden Besuche in der bisherigen Lebenswelt des potentiellen Bewohners statt, die uns einen umfassenden Einblick in und dessen individuelle Problematik ermöglichen. Anschließend werden spezifische Betreuungs- und Förderprozesse analysiert, die im folgenden Betreuungsprozess ein gemeinsames aufeinander abgestimmtes Handeln auf dem Hof möglich machen sollen. Diese Informationen dienen den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen als Dokumentations- und Planungshilfe für die Gestaltung des Überganges in die Einrichtung.

Diese komplexe Datengewinnung ist die Voraussetzung einer evident basierten Vorgehensweise (Vergleichbarkeit/Klarheit) und zugleich unerlässlich für einen professionellen Informationsaustausch und reibungslosen Wechsel in die neue Lebensphase. Der Ablauf und die Inhalte werden vom jeweiligen Mitarbeiter dokumentiert sowie dem Klienten und / oder gesetzlichen Betreuer zur Verfügung gestellt. Die auf dem Autismushof genutzten Methoden in Anlehnung an die AVT und an Teacch ergeben sich aus dem individuellen Bedarf des einzelnen Kunden. Regelmäßige Schulungen im Bereich AVT und Teacch sind daher für die Arbeit auf dem Autismushof unerlässlich im Hinblick auf die Betreuung von Menschen mitherausforderndem Verhalten.

Inhaltliche methodische/didaktische Vorgehensweise im Bereich des herausfordernden Verhaltens

Eine weitestgehend rationale und intensive Beobachtung durch das Fachpersonal ist in diesem Zusammenhang wichtig. Aus der Beobachtung ergeben sich die Besonderheiten mit dem Schwerpunkt, die positiven Eigenschaften herauszustellen und die negativen weitestgehend auszublenden (Prinzip der Verhaltenstherapie). Hierbei geht es nicht darum unerwünschtes Verhalten zu bagatellisieren, sondern positive Verhaltensweisen in den Focus zu stellen. Auch gilt weiterhin der Grundsatz – die Grenzen der Individualität sind dort zu ziehen, wo die Freiheit des anderen eingeschränkt wird. Es wird ausschließlich auf den Teil der Grenzen verzichtet, der durch unsere pädagogischen Ansprüche und Ziele, zusätzlichen Druck erzeugt und eine Betreuungssituation auf Augenhöhe unmöglich macht. Folgende Prinzipien gelten dabei:

  • Nicht alles klären und / oder verstehen zu können,
  • Offenheit neue Dinge auszuprobieren ohne immer im Voraus zu wissen ob sie gelingen,
  • Scheitern und Gelingen als Bestandteil eines Lernprozesses zu verstehen,
  • Loslassen, der negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit,
  • Loslassen von Interpretationen im Bereich des abweichenden Verhaltens.

Durch die Berücksichtigung der v. g. Prinzipien ändert sich die subjektive Betrachtungsweise und setzt anschließend neue Akzente bei der Assistenz und Begleitung von Betroffenen. Vertrauen in die Fähigkeiten und Offenheit/Toleranz auch für ungerade Entwicklungen bzw. abweichende Verhaltensweisen vermeiden defizitorientiertes Handeln.

In der Begleitung und Assistenz von Menschen mit ASS und entsprechenden schwerwiegenden abweichenden Verhaltensweisen geht es im wesentlichem um das Sicherstellen von Lebensqualität und zugleich darum, Lebensqualität für diesen Personenkreis erfahrbar zu machen. Im Hinblick auf Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hat das für alle Menschen die gleiche Bedeutung. In der alltäglichen Betreuung werden häufig Einschränkungen in der Wahrnehmungsverarbeitung und / oder Kontrollverlust, als Ursache für herausforderndes Verhalten beschrieben. Zugleich gibt es zumeist Konzepte, die stark auf Reglementierung und wenig verhaltenstherapeutisch angelegt sind. In diesem Zusammenhang kommt es so zu einer Überversorgung / Fehlversorgung der Betroffenen und mitunter zu einer Bevormundung im Einzelfall. Eine ernsthafte Auseinandersetzung auf der Basis der Gleichstellung mit Blick auf die verdeckten Ressourcen Betroffener mit herausforderndem Verhalten bleibt so zumeist unerkannt. In der Folge kommt es nicht selten zu aggressiven Verhaltensmuster, die ausschließlich den Betroffenen zugeschrieben werden. So entwickelt sich u.a. eine Eigendynamik von Missverständnissen und abweichende Verhaltensmuster bei Menschen mit ASS.

Durch die Schaffung bzw. durch die Assistenz bei der individuellen Anwendung von unterstützenden Maßnahmen im Bereich der autismus spezifischen Verhaltenstherapie (AVT) werden Alltagkompetenzen gefördert und gestärkt. Zugleich sollen so neue Verhaltensweisen aufgebaut und gleichzeitig entwicklungseinschränkende und/oder abweichende Verhaltensweisen schrittweise minimiert und im Idealfall komplett abgebaut werden. Die Schaffung solcher zuverlässigen, verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und Strukturen, gibt den Menschen mit ASS die Möglichkeit der Vorhersehbarkeit und Orientierung. Diese ressourcenorientierte, therapeutische und evidente Arbeit unterstützt darüber hinaus die Selbstständigkeit mit unterschiedlichen Lebensmodellen und berücksichtigt zugleich das individuelle Entwicklungsniveau des Einzelnen. In diesem Zusammenhang wird der Entwicklungsprozess des Einzelnen nachhaltig positiv verstärkt und sichergestellt.